Yoga im Knast

- Erfahrungen mit YOGA und Meditation in der Justizvollzugsanstalt Freiburg -

Seit dem Sommer 1999 leite ich YOGA - Kurse in der JVA Freiburg. Was als Versuch began, hat sich in der Zwischenzeit zu einem regelmäßigen Freizeitangebot für die Häftlinge entwickelt. Die Kurse finden 1 mal wöchentlich mit ca. 8-10 Teilnehmern statt. Der Freiburger Knast ist ein Sicherheitsgefängnis für Langzeitinhaftierte und Sicherheitsverwahrte aus ganz Baden-Württemberg. Zirka 700 Männer aus ungefähr 50 Nationen verbüßen hier Haftstrafen zwischen 15 Monaten und Lebenslänglich (i.d.R. 15 Jahre). Das Leid, dass hier zusammentrifft ist unermesslich: Drogendelikte, Totschlag, Mord, bewaffneter Raub, Pädophälie, Vergewaltigung .... eine schier endlose Kette von Gewalt, die sich auf engstem Raum konzentriert und neben der Präsenz der Staatsgewalt die Atmosphäre prägt. Mich interessiert besonders, welche persönlichen Erfahrungen, die Männer mit einer Biografie, die von Leid, Missbrauch und Gewalt geprägt ist, mit einem lebendigen und regelmäßig praktizierten Übungsweg machen und wie sie diese in ihrem (Knast-)Alltag integrieren. In meiner Yogapraxis geht es mir besonders darum, Achtsamkeit dafür zu entwicklen, wie der Übende mit sich umgeht. Eine Einsicht zu gewinnen über die Gedanken- und Gefühlsmuster, die sein Handeln bestimmen. Ich empfinde den Yoga-Weg dabei deshalb besonders hilfreich, weil er über die Körperübungen eine sehr direkte Verbindung zum Empfinden und damit zum Geist schafft.
Sei es, dass man sich nach den Übungen verändert wahrnimmt, sei es dass man in den Übungen mit seinen Grenzen in Kontakt kommt und so sehr klar mit den Auswirkungen seines Handlens, ohne jemanden dabei zu schaden. In den 4 Jahren hat sich eine Gruppe von 8-10 Männern gebildet, die regelmäßig an den Kursen teilnehmen, wobei es immer wieder Neuzugänge gibt und Männer den Kurs auch verlassen, aus unterschiedlichen Gründen. Manchmal werden sie verlegt, beginnen eine Therapie oder Ausbildung, stellen fest, dass sie andere Vorstellungen vom Yoga hatten oder werden entlassen.
Ich bin immer wieder sehr berührt vom Interesse und der Dankbarkeit, die mir von den Häftlingen entgegen gebracht wird. In Aussprachen kommt oft die Sehnsucht nach innerer Freiheit und der Wunsch nach Beendigung ihres Leidens zum Ausdruck. Es ist mir wichtig, deutlich zu machen, dass Freiheit nichts ist, was im Aussen zu finden ist oder die mir jemand gewährt oder vorenthält und wir immer die Möglichkeit haben, mit Frieden uind Dankbarkeit in Kontakt zu sein, wenn wir ein Bewusstsein für die Einmaligkeit des gegenwärtigen Moments entwickeln - auch im Gefängnis.
Neben den Körperübungen helfen Achtsamkeitsmeditation und Texte von buddhistischen Lehrern (Thich Nhat Hanh, Chögyam Trungpa und auch Claude AnShin Thomas), ein mitfühlendes Verständnis mit der eigenen Situation zu entwickeln als Ausgangspunkt für Veränderung. Die Häftlinge erleben den Kurs als Raum, in dem sie den Knastalltag für einmal 1 ½ Stunden in der Woche hinter sich lassen können und mit ihren potentiellen Fähigkeiten von Ruhe, Entspannung und Frieden in Kontakt kommen. Oft wird der Kurs als Highlight der Woche oder als Insel bezeichnet. Mich überrascht die Offenheit, die die meisten Häftlinge geistigen Themen entgegenbringen, wie z.B.: Wie kann ich in Kontakt kommen mit der "wahren" Welt hinter den Erscheinungen. Ich versuche deutlich zu machen, dass es unsere Aufgabe ist, uns mit dieser Realität auseinanderzusetzen, bzw. dass sie dazu da ist, dies zu tun und dass es die Möglichkeit ist an ihr zu wachsen. Wichtig hierfür ist, die Verantwortung für sein Leiden und sein Handeln zu übernehmen.
Hier wird deutlich, wie schwer dies ist, zumal die Tat, die die Männer hierhergebracht hat, so sehr auch moralisch verurteilt wird und sie auf ihre Identität festlegt, bzw. sie sich auch selbst festlegen.
An diesem Punkt versuche ich zu zeigen, wie sehr wir alle dieses Phänomen kennen und wie sehr Gefängnis auch in unseren Köpfen stattfindet. Dieses Thema wird uns auch weiterhin beschäftigen, zumal es hier vorallem ums Loslassen geht - in der Yogapraxis so oft zu erfahren. In einer kleinen Umfrage meinten die Hälfte der Männer, dass sie als Folge der Praxis beginnen, anders mit sich umzugehen und darüber hinaus offener zu ihren Mithäftlingen geworden sind. Ganz besonders freut es mich, dass zwei sogar mit dem Aufsichtspersonal, das oft als Projektionsfläche herhalten muss, ruhiger sein können. Die meisten, die in die Kurse kommen, möchten sinnvoll mit ihrer Zeit umgehen und haben oft auch eine Vorstellung davon, dass es noch viel in sich zu entdecken gibt und eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis einen Weg dorthin aufzeigt. Ein grosses Anliegen ist es mir, im Kurs eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Der gewaltgeprägte Hintergrund und Alltag der Männer macht sie misstrauisch und so dränge ich darauf, dass dem, was im Kurs an Persönlichem gesagt wird, mit Wertschätzung begegnet wird und im Kurs bleibt, ähnlich der Praxis des Achtsamen Zuhörens.
Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, mich auf diese Weise zu engagieren und meine, dass Resozialisierug zu einem großen Teil auch ein innerer Prozess ist, der mit äußerer Unterstützung den Häftlingen möglich gemacht werden muss. Andererseits bin ich als jemand, der von Aussen mit ihnen zusammenkommt, gefordert, meine Vorurteile und Ängste zu hinterfragen und mich für das Potential der Menschen im Gefängis zu öffnen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist es, zu erkennen, dass Leid nicht erst durch die Straftat ausgelöst wird, sondern sich im Täter durch viele Generationen hindurch ausdrückt (my father lives in me, my mother lives in me...) und dass sie somit auch Opfer sind. So brauchen Opfer und Täter unser Mitgefühl.
Abschliessend möchte ich mich auch für die gute Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der JVA Freiburg bedanken.
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